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Wer eine Eingangsrechnung erhält, zahlt sie nicht sofort. Bevor die Überweisung rausgeht, prüft die Kreditorenbuchhaltung, ob Bestellung, Lieferung und Rechnung übereinstimmen. Dieser Drei-Wege-Abgleich ist sinnvoll: er verhindert Überzahlungen und Betrug. Er kostet aber Zeit, und diese Zeit fehlt im Liquiditätsplan, wenn sie nicht explizit modelliert ist. Der Abgleich ist ein Baustein der Financial Supply Chain, der Kette aus Bestellung, Lieferung, Rechnung und Zahlung.
Was der Drei-Wege-Abgleich prüft
Beim Drei-Wege-Abgleich werden drei Dokumente Position für Position miteinander verglichen:
- Purchase Order (PO): die interne Bestellung, die das einkaufende Unternehmen ausgestellt hat. Sie legt Menge, Einzelpreis, Liefertermin und Lieferant verbindlich fest.
- Wareneingangsbestätigung (WEB): der interne Nachweis, dass die Ware oder Leistung tatsächlich eingegangen ist und der Bestellung entspricht. Ohne dieses Dokument ist unklar, ob die bestellte Leistung überhaupt erbracht wurde.
- Eingangsrechnung: das Dokument des Lieferanten mit Menge, Einzelpreis, Gesamtbetrag und Zahlungsziel.
Alle drei müssen inhaltlich übereinstimmen. Toleranzgrenzen (etwa ±2 % beim Preis) sind üblich, müssen aber vorab im System definiert sein. Weicht eines der drei Dokumente außerhalb der Toleranz ab, wird die Rechnung nicht freigegeben. Die Buchhaltung klärt die Differenz dann mit dem Einkauf, dem Lager oder dem Lieferanten.
Im Purchase-to-Pay-Prozess ist der Drei-Wege-Abgleich der letzte Kontrollpunkt vor der eigentlichen Zahlung. Er ist damit auch der letzte Punkt, an dem sich der Zahlungsausgang zeitlich verschieben kann.
Wo die Verzögerung entsteht
Der Abgleich selbst dauert bei vollständigen, elektronischen Dokumenten wenige Sekunden. Das Problem liegt woanders: Die drei Dokumente liegen selten gleichzeitig vor.
- Die Eingangsrechnung trifft oft vor der Wareneingangsbestätigung ein, weil der Lieferant bereits mit dem Versand fakturiert.
- Die Wareneingangsbestätigung wird manuell im Lager gebucht, mit Verzögerung, bei Teillieferungen sogar gestückelt über mehrere Buchungsdaten.
- Die Purchase Order muss im System referenzierbar sein. Fehlt die PO-Nummer auf der Rechnung, muss die Kreditorenbuchhaltung die passende Bestellung manuell suchen.
Jede dieser Lücken öffnet ein Wartezeitfenster. In der Praxis ergibt sich daraus ein Freigabe-Lag von typisch 3 bis 7 Werktagen bei manuellen Prozessen. Laut APQC Open Standards Benchmarking, einer der meistzitierten AP-Vergleichsdatenbanken, liegt der Medianwert für den Zeitraum von Rechnungseingang bis genehmigter Zahlung bei mehr als einer Woche.
Der Lag variiert je nach:
- Dokumentenformat: Papier oder unstrukturiertes PDF verlängert die Zeit erheblich; strukturierte E-Rechnungsformate wie ZUGFeRD oder XRechnung verkürzen sie.
- Belegvolumen: In Spitzenzeiten (Quartalsende, Inventur) staut sich die Freigabe.
- Eskalationspfad: Sobald eine Differenz in die Klärung geht, kommen 2 bis 5 zusätzliche Tage dazu.
Wie der Cashflow-Zeitpunkt sich verschiebt
Für die Liquiditätsplanung ist entscheidend: Wann fließt Geld ab? Der rechtliche Fälligkeitstag steht auf der Rechnung. Der tatsächliche Zahlungsausgang liegt um den Freigabe-Lag später, es sei denn, die Freigabe ist schneller als das Zahlungsziel.
Ein konkretes Beispiel: Der Lieferant stellt am 1. Juli eine Rechnung mit 30 Tagen Zahlungsziel aus. Rechtlich wäre die Zahlung am 31. Juli fällig. Wenn der Drei-Wege-Abgleich erst am 8. Juli abgeschlossen ist, startet der interne Zahlungslauf erst dann, und die Überweisung geht am 7. August raus, eine Woche nach Fälligkeit. Das ist kein Zahlungsverzug im kaufmännischen Sinne, solange die eigene Zahlungsrichtlinie es erlaubt. Es ist aber ein Problem für die Plangenauigkeit: Wer am 31. Juli einen Abfluss erwartet und ihn nicht sieht, macht kurzfristig eine falsche Liquiditätsaussage.
Umgekehrt ist der Lag eine stille Reserve: Wenn Rechnungen früh eingehen, aber die Freigabe erst nach 5 Tagen erfolgt, hat das Unternehmen de facto 5 Tage mehr Spielraum, als das Zahlungsziel suggeriert. Dieser Spielraum ist aber unzuverlässig: er schwankt mit dem Belegvolumen und kann bei automatisierten Prozessen stark schrumpfen.
Ein weiterer Aspekt sind Skonto-Fristen. Bietet ein Lieferant 2 % Skonto bei Zahlung binnen 10 Tagen an, ist diese Option verloren, wenn der Abgleich selbst 7 Tage braucht. Denselben Mechanismus, nur spiegelverkehrt auf der Zuflussseite, beschreibt das Thema Abschlagsrechnungen und Teilzahlungen planen: Dort verschiebt ein Freigabe-Lag beim Kunden den Zufluss, nicht den Abfluss.
Freigabe-Lag in geplante Posten einrechnen
Die Software bildet diesen Mechanismus über geplante Posten ab. Ein geplanter Posten ist ein zukünftiger Cashflow-Eintrag, der noch nicht buchhalterisch realisiert ist, aber für die Planung als hinreichend sicher gilt.
Für den Drei-Wege-Abgleich empfiehlt sich folgendes Vorgehen:
Schritt 1: Erfassungsdatum und Fälligkeitsdatum trennen. Die Eingangsrechnung wird mit dem Erfassungsdatum (Rechnungseingang) und dem Fälligkeitsdatum (laut Zahlungsziel) erfasst. Beide Daten bleiben sichtbar.
Schritt 2: Freigabe-Offset hinterlegen. Anhand historischer Daten ermitteln, wie viele Tage zwischen Rechnungseingang und tatsächlicher Freigabe liegen. Dieser Wert wird als Offset auf das Fälligkeitsdatum addiert. Typisch: +5 Werktage.
Schritt 3: Status-Tracking aktivieren. Rechnungen im Status „in Prüfung" erscheinen im Liquiditätsplan als geplanter Abfluss mit reduzierter Eintreffwahrscheinlichkeit. Rechnungen im Status „freigegeben" erhalten 100 % Wahrscheinlichkeit und fließen in den nächsten Zahlungslauf.
Schritt 4: Eskalationen kennzeichnen. Rechnungen in der Klärung bekommen einen manuellen Zeitstempel. Der Plan enthält sie mit einem eigenen Offset (etwa +12 Tage) bis die Klärung abgeschlossen ist.
Wer den Auftragsbestand mit der Liquiditätsplanung verknüpft, schafft die Voraussetzung dafür, den Drei-Wege-Abgleich als Puffer sichtbar zu machen: Aufträge, die noch nicht als Wareneingangsbestätigung gebucht sind, erzeugen automatisch einen offenen Abgleich-Status. Die Planung zeigt dann, welche Rechnungen noch im Freigabe-Prozess stecken, und welche sicher in den Zahlungslauf eingehen.
Was strukturierte Eingangsbelege ändern
Strukturierte Eingangsrechnungen im ZUGFeRD- oder XRechnungsformat enthalten die PO-Referenz maschinenlesbar. Das verkürzt den Abgleich erheblich, weil die Software sofort die passende Bestellung findet und eine automatische Toleranzprüfung durchführt. Der Freigabe-Lag sinkt auf unter 2 Tage, wenn auch die Wareneingangsbestätigung digital ins System fließt.
Das bedeutet: Wer strukturierte Formate einführt, gewinnt nicht nur Prozesseffizienz, er macht seinen Liquiditätsplan präziser, weil der Unsicherheitspuffer auf den Zeitpunkt des Zahlungsabflusses kleiner wird. Planabweichungen zwischen erwartetem und tatsächlichem Abfluss schrumpfen entsprechend.
Was ist der Unterschied zwischen Zwei-Wege- und Drei-Wege-Abgleich?
Beim Zwei-Wege-Abgleich werden nur Purchase Order und Eingangsrechnung verglichen. Der Drei-Wege-Abgleich fügt die Wareneingangsbestätigung hinzu und prüft damit, ob die Leistung tatsächlich erbracht wurde. Für Dienstleistungen ohne physischen Wareneingang wird oft der Zwei-Wege-Abgleich verwendet; das Freigabe-Risiko ist dort strukturell anders.
Warum erscheinen Rechnungen im Liquiditätsplan, obwohl sie noch nicht freigegeben sind?
Weil geplante Posten den wahrscheinlichen Zahlungsausgang abbilden, nicht den rechtlich gesicherten. Eine Rechnung im Drei-Wege-Abgleich wird mit reduzierter Wahrscheinlichkeit und einem Freigabe-Offset eingetragen, damit die Planung realistisch bleibt und nicht erst bei Buchung „auftaucht".
Wie lange darf der Drei-Wege-Abgleich maximal dauern, ohne den Lieferanten zu verärgern?
Als Orientierungswert gilt: Der Freigabe-Lag sollte maximal 30 % des vereinbarten Zahlungsziels betragen. Bei 30 Tagen Zahlungsziel also maximal 9 Tage. Überschreitet der Lag systematisch diesen Wert, drohen Skonto-Verluste sowie bei wiederholter Überschreitung Vertrauensverlust beim Lieferanten.
Kann der Freigabe-Lag als stille Liquiditätsreserve genutzt werden?
Kurzfristig ja: die Zahlung geht später raus, als das rechtliche Fälligkeitsdatum suggeriert. Das ist aber unzuverlässig: Der Lag schwankt mit dem Belegvolumen und kann bei Automatisierung stark sinken. Wer den Puffer aktiv steuern will, sollte ihn explizit im Liquiditätsplan sichtbar machen, statt ihn als impliziten Spielraum zu behandeln.
Zahlungsabfluss aus belegten Daten
Wer den Drei-Wege-Abgleich als geplanten Posten modelliert und den Freigabe-Lag explizit einrechnet, hat Kontrolle darüber, welche Rechnungen wann wirklich abfließen. Der Zahlungsausgang ergibt sich aus den Daten, nicht aus dem Bauchgefühl.
Gebaut von Leuten, die denselben Engpass aus der Praxis kennen.